Freitag, 26. November 2010

Fiskalunion oder Auflösung

Wall Street Journal Autor Terence Roth trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt, die Eurozone stehe langfristig nur vor der Wahl zu einer Fiskalunion zu wachsen, oder sich aufzulösen.

European leaders from Angela Merkel to Nicolas Sarkozy have sworn they will do anything needed to keep the euro project alive. Before long, it's a promise that must lead to something close to what early euro-skeptics foresaw from the start: a European fiscal union.

The alternative would be years of economic pain and social instability among weaker euro-zone countries, with recurrent bouts of speculation that the currency system will self-destruct.


Die Fiskalunion ist die einzige Option, wenn man den Euro erhalten will (und den Erhalt hat Merkel ja zur obersten Priorität erklärt).

Wenn man diese Union nicht will, bleibt als Alternative nur die Auflösung des Euro, bzw. die Reduzierung des gemeinsamen Währungsraums auf homogenere Länder (Deutschland, Niederlande, Österreich).

Mittwoch, 24. November 2010

Ende des Wachstums?

Im Deutschlandfunk diskutierten am vergangenen Freitag ein Soziologe und zwei Publizisten über ein ökonomisches Thema, von dem offenbar keiner der drei eine Ahnung hatte. Das Thema lautete "Kultur der Ökonomie oder Wandel ohne Wachstum", und hätte Stoff für eine interessante Debatte liefern können, hätten die Redakteure vom Deutschlandfunk nicht drei Diskutanten geladen (Gertrud Höhler, Mathias Greffrath, Meinhard Miegel), die nahezu immer d'accord sprachen.

Alle drei waren sich sofort einig, dass die Zeiten von Wirtschaftswachstum vorbei seien. Die dadurch implizierte Frage, ob die Menschheit damit ihren historischen Peak erreicht hat und sich von jetzt an Richtung Steinzeit zurückentwickelt, ließen sie offen. Ihre Schlussfolgerung zogen sie aus einer altertümlich marxistischen Vorstellung von Wirtschaftswachstum, das quasi nur dann möglich sei, wenn stetig mehr Rohstoffe in die Produktion flössen, was ihrer Meinung nach nicht ginge.

Leider ignorieren sie dabei, dass Wachstum auch durch das Gegenteil möglich ist. Ein Hersteller, der ein der Konkurrenz vergleichbares Produkt mit weniger Input herzustellen vermag, wächst auch, und wird seine Konkurrenz vom Markt verdrängen. Besonders augenfällig ist hier das Beispiel der Computerindustrie: die Prozessoren werden permanent kleiner und stromsparender, und trotzdem wird dadurch nicht etwa das Wachstum reduziert, sondern im Gegenteil.

Wenn man die Ökonomie als Prozess versteht, der die Herstellung und Verteilung knapper Ressourcen effizient organisiert, dann besteht solange Wachstumspotential, wie es Effizenzsteigerungsmöglichkeiten gibt. Ein Ende des Wachstums ist aus heutiger Sicht nicht erkennbar.

Donnerstag, 18. November 2010

Burda über den Nutzen Googles

Nach Mathias Döpfner hat nun auch Hubert Burda seine Unkenntnis von Technik und ökonomischen Zusammenhängen unter Beweis gestellt. Auf dem Jahreskongress des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger gab er zu Protokoll, Google und Apple würden "die teuren Inhalte der Verlage ohne ausreichende Bezahlung" nutzen. Nichts könnte falscher sein.

Zunächst einmal "nutzt" Google die Verlagsinhalte so viel oder wenig wie eine Fernsehzeitung die Inhalte der TV-Sender "nutzt". Nämlich gar nicht. Google verweist auf die Verlagsinhalte, lenkt seine täglich Millionen von Benutzer auf diverse Zeitungswebsites, und nutzt den Verlagen damit mehr als es ihnen offenbar begreiflich ist.

Und Apple liefert den Verlagen eine ausgebaute Platform zum Vertrieb ihrer Inhalte, die ihnen nicht weniger (eher mehr!) wert sein sollte als der herkömmliche Vertriebsweg über die Kioske. Wie lange wird es noch dauern, bis die Verlagshäuser das begreifen?

Nachtrag: monkeypenny hat mal lesenswert kommentiert, wie sehr die Verleger der Realität hinterher hinken.

Mittwoch, 29. September 2010

Sinkende Strompreise?

In der ARD-Sendung "PlusMinus" wollte man gestern belegen, dass die Verlängerung der Atomkraftwerks-Laufzeiten gar nicht zu sinkenden Strompreisen führten. Die Behauptung, dass dies das Ziel der Verlängerung sei, hatte man allerdings zuvor selbst erfunden. Denn in Deutschland werden die Strompreise, Atomkraft hin oder her, nicht sinken. Aus zwei Gründen.

Was den Strompreis in den letzten Jahren in die Höhe trieb waren Kosten für die Zwangsabnahme des Ökostroms durch die Energiekonzerne. So erhalten bspw. die Betreiber von Photovoltaikanlagen eine Einspeisevergütung von etwa 40 Cent pro KWh Solarstrom. Und bei Windkraft und dem übrigen erneuerbaren Energien ist es nicht anders. Diese Mehrkosten legen die Energiekonzerne auf die Verbraucher um, und da der Anteil der Erneuerbaren seit Jahren steigt, steigen auch die Strompreise.

Der zweite, und wesentlich wichtigere Punkt ist aber, dass in der deutschen Politik einen quasi-Konsens darüber gibt, dass Energiepreise teuer zu sein haben. Das gilt für Strom ebenso wie für Benzin, Erdgas und so weiter. Deshalb belastet man sie auch mit etlichen Steuern. Gerade den Grünen ist dieser Aspekt besonders wichtig, und vor dem Hintergrund versteht man auch ihre Ablehnung gegen längere AKW-Laufzeiten. Denn deren Verlängerung wirkt in der Tat "preisdämpfend", wie die Stromkonzerne angaben, und die dümmliche Reaktion der PlusMinus-Autoren ("Was immer das heißen mag.") zeigt, dass sie diesen Zusammenhang nicht verstanden haben.

Donnerstag, 16. September 2010

Döpfners Sicht auf das Leistungsschutzrecht

Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, meinte in der NZZ das Leistungsschutzrecht verteidigen zu müssen. Herausgekommen ist wenig neues. Besonders bemerkenswert ist aber seine Argumentation.
Google ist unser Partner, nicht unser Hauptfeind. Wir arbeiten gemeinsam mit Google an wichtigen Projekten. Das Leistungsschutzrecht richtet sich nicht gegen Google. Und wir möchten uns bei Google auch nicht sperren lassen, sondern dort und anderswo auffindbar bleiben.

Eine merkwürdige Partnerschaft, bei der am Ende der zahlen soll, der die eigentliche Leistung erbringt. Offenbar hat die Medienbranche noch immer nicht erkannt, dass ihnen Google News mehr nützt als schadet, und dass sie genau genommen an Google zahlen müssten.

Samstag, 28. August 2010

Bezahlung nach dem Konsum vor, nicht davor

Nach langer Zeit mal wieder ein Posting, allerdings nicht aus meiner Feder. Auf neunetz.com gibt es eine sehr interessante Analyse der Ökonomie kostenloser Information (bzw. ihrer kostenlosen Distribution).

Das Bezahlen bevor man wusste ob das Produkt überhaupt die erwartete Qualität hatte, war früher für Informationsgüter notwendig, weil sie an physische Güter mit ihren entsprechenden Kosten gekoppelt waren. Andere Geschäftsmodelle waren für die Anbieter oft nicht ökonomisch sinnvoll. Das ist heute nicht mehr so. Die Kopplung ist nicht mehr notwendig. Ohne die Kopplung sehen die zugrunde liegenden Kosten auf einmal komplett anders aus. Sie erlauben andere Herangehensweisen und nehmen den Konsumenten, Nutzern, Lesern, Hörern, Fans in der Regel das Risiko des (relativ) blinden Kaufs eines Magazins oder eines Albums ab. Wenn ich einen Artikel flattr, dann habe ich ihn bereits gelesen und für gut befunden.

Wenn ich einen Artikel bei faz.net und co. aus dem digitalen Archiv kaufe, weiß ich vorher nicht, ob der Artikel überhaupt die Informationen enthält, die ich erwarte. Das kann ich erst mit letzter Gewissheit wissen, wenn ich ihn gelesen also konsumiert habe. Dieses Risiko ist neben anderen Gründen ein wichtiges Hemmnis für Paid Content, das online mit frei zugänglichen und damit risikolosen Inhalten konkurriert. Dass die deutschen Presseverlage also ihre Inhalte mehrheitlich hinter Bezahlschranken verstecken, ist keine kluge Entscheidung.


"Filesharing, Flattr und Bezahlschranken: Die Auflösung historischer Unfälle"

(via Lawblog)

Montag, 14. Juni 2010

Französische Übernahme

Bereits im April sah Wolf Schäfer eine "schleichende Dominanz französischen Wirtschaftsdenkens" in der Europäischen Union aufziehen, und der frühere BDI-Chef Hans-Olaf Henkel vermutet am 1. Juni bei "Maischberger" gar einen französischen Putsch hinter dem 750-Milliarden schweren Euro-Rettungsschirm.

Heute ging diese Entwicklung in die nächste Phase: "Merkel und Sarkozy wollen EU-Wirtschaftsregierung".

Ganz ohne Wertung muss man eingestehen, dass das zumindest konsequent ist. Wer einen einheitlichen Währungsraum will, braucht eine einheitliche Wirtschaftspolitik. Allerdings lassen die Erfahrung mit "französischer Wirtschaftspolitik" nichts gutes ahnen.

Montag, 7. Juni 2010

Schlechte Aussichten für den Euro

"In fünf Jahren wird der Euro tot sein" prognostizieren laut Telegraph einige führende britische Ökonomen. "Praktisch bei Null" lägen die Chancen, dass die Währungsunion ohne den Austritt eines oder mehrerer Mitgliedsländer überstehen wird. Trübe Aussichten.

Sonntag, 30. Mai 2010

Generationengerechtigkeit?

Finanzminister Schäuble gab der heutigen BILD am Sonntag ein Interview:

BILD am SONNTAG: Der größte Haushaltsposten sind rund 80 Milliarden Euro Zuschuss an die Rentenkasse. Können Sie in diesen Zeiten wirklich die Garantie aufrecht halten, dass die Renten nie wieder sinken werden?

Schäuble: Hier ist die Frage der Generationengerechtigkeit berührt. Die Regierung hat diese Garantie gegeben und wird sie einhalten. Den Rentenzuschuss stellt niemand infrage. Wahr ist aber auch: Die Aufgabe des Schuldenabbaus wird dadurch nicht einfacher.


Die junge Generation muss sich mit höheren Steuern und niedrigeren Löhnen abfinden, aber den Rentner wird die Rentenhöhe garantiert. Bin ich der einzige, der das für ein merkwürdiges Verständnis von Generationengerechtigkeit hält?

P.S.: Nein, bin ich nicht. Frank Schirrmacher hat die Fixierung der Politik auf die Rentnergeneration sehr treffend analysiert.

Montag, 24. Mai 2010

Köhler, Worte und Taten

Gestern hat Bundespräsident Horst Köhler das Gesetz über den deutschen Anteil am Euro-Rettungsschirm unterschrieben. Anlass genug sich noch einmal an das Jahr 1992 zu erinnern. Damals war Köhler Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und verhandelte die Details des Maastricht-Vetrages mit. In einem SPIEGEL-Interview versuchte er die schon damals aufkommenden Bedenken zu zersträuen, dies sei der Einstieg in eine europäische Transferunion.

KÖHLER: [...] In den USA schwankt zum Beispiel das Pro-Kopf-Einkommen zwischen Connecticut und Mississippi um 100 Prozent. Gefährdet das etwa den Dollar-Währungsraum?

SPIEGEL: Kein Mensch aus Jackson käme auf die Idee, Subventionen von einem Mit-Amerikaner in Hartford zu fordern. Aber genau das wird in Europa der Fall sein.

KÖHLER: Nein, eben nicht. Und das müssen wir deutlich machen. Es wird nicht so sein, daß der Süden bei den sogenannten reichen Ländern abkassiert. Dann nämlich würde Europa auseinanderfallen.

Wenn er sich nur heute an seine Worte erinnern würde...

Mittwoch, 5. Mai 2010

Die bösen Rating-Agenturen II

Mit Thomas Straubhaar stimmte heute der nächste Volkswirt in das allgemeine Bashing gegen Rating-Agenturen ein. Der Direktor des Hamburger HWWI, der im Februar 2009 schon für 2010 die "Horror-Inflation" kommen sah, erklärt bei SPIEGEL Online, "warum Rating-Agenturen verramscht werden müssen":

Griechenland ist der Beweis: Rating-Agenturen verschärfen Krisen, statt sie zu verhindern.

Ist es denn die Aufgabe der Rating-Agenturen, Krisen zu verhindern?

Sie sehen Krisen nicht im Voraus und sie reagieren nur im Nachhinein.

Anders ausgedrückt: die Situation eskaliert, und dann reagieren die Agenturen.

Zudem droht die Gefahr, dass die von ihnen verbreiteten Informationen Krisen erst verursachen.

Also gilt jetzt: die Rating-Agenturen erkennen die Probleme, justieren ihre Bewertungen neu, und dann eskaliert die Situation. Ja was gilt denn nun? Reagieren die Agenturen bloß auf die Märkte, oder treiben sie sie vor sich her?

Letztlich ist nur eine Entmachtung der Rating-Agenturen zielführend. Die Rating-Agenturen dürfen für die Entscheidungsbildung auf den Kapitalmärkten nicht mehr die herausragende Rolle spielen wie in der Vergangenheit. Ihre Urteile sollen nur noch zu einer Meinungsäußerung von mehreren werden, auf die hören mag, wer will.

Und wie ist es aktuell? Wird irgendwer gezwungen, sich an den Bewertungen der Agenturen zu orientieren?

Zur Entmachtung gehört auch eine Zerschlagung des bestehenden Oligopols.

Und zu was führt das dann? Wenn wir ein paar dutzend kleine Agenturen haben, wird am Ende jede Bank ihr eigenes Institut für Gefälligkeitsgutachten halten.

Dienstag, 4. Mai 2010

Das Billionen-Euro-Problem

Die WELT hat die italienische UniCredit einmal ausrechnen lassen, wie teuer eigentlich Rettungspakete nach griechischem Muster für die übrigen PIGS-Staaten wären. Das Ergebnis ist ziemlich beunruhigend:

Überträgt man die Größe dieses Rettungspaketes auf die anderen vier Krisenländer, kommen schnell hohe Summen zustande. Eine Rettung Irlands und Portugals wäre wohl noch zu bewältigen: Irland bräuchte demnach rund 42 Mrd. Euro, Portugal etwa 50 Mrd. Bei Italien und Spanien wären aber schnell andere Dimensionen erreicht: Spanien benötigte 224 Mrd. Euro, Italien gar 704 Mrd. Euro.

Freitag, 30. April 2010

Die bösen Rating-Agenturen

Heute kam im Deutschlandradio Kultur ein Interview mit Heiner Flassbeck, Chefvolkswirt der UNO-Organisation für Handel und Entwicklung, der UNCTAD.

Ich habe wirklich selten soviel Unfug von einem Ökonomen gehört.

Auf die Frage, ob wir eine europäische staatliche Rating-Agentur brauchen:

Flassbeck: Ja, in der tat, absolut, denn vor allem die Ratings von Ländern gehören nicht in die Hände irgendwelcher privater Agenturen, die unter dubiosen Umständen ihre Urteile fällen.

Also ist es sinnvoller, wenn in Zukunft sich die Staaten selbst ein Qualitätssiegel aufdrücken? Wie glaubwürdig soll das sein?

Die deutsche Industriekreditbank hätte diesen Mist ja nie gekauft, wenn nicht die Rating-Agentur AAA draufgeschrieben hätte.

Also kauft man bei der halbstaatlichen IKB mehr oder minder alles, auf die irgendwer mit großem Namen sein AAA-Siegel geklebt hat? Sollte es wirklich so sein (aber ich bezweifle, dass man bei der IKB so dumm ist), hätte diese Bank es doch verdient, am Ende über den Tisch gezogen zu werden.

Man könnte auch die Rating-Agenturen vollständig abschaffen, auch in allen gesetzlichen Verordnungen und sonst was bei der Bankenaufsicht, dann hätten die Banken die Pflicht, wenn sie schärfer reguliert werden, auch selbst hinzugucken und sich zu überlegen, was in dem Produkt drinsteckt. Das ist auch eine Möglichkeit.

Das setzt dem ganzen Unsinns-Interview die Krone auf. Weil Rating-Agenturen nun auf die Problematik zunehmender Staatsverschuldung reagieren und ihre Bewertungen herabstufen, gehören sie abgeschafft? Genauso gut hätte Flassbeck fordern können, alle Zeitungen und sonstige Medien zu verbieten, um schlechte Nachrichten aus der Welt zu schaffen. Die Rating-Agentur sind nicht Schuld an Griechenlands Misere.

Samstag, 10. April 2010

Rent-seeking und Google

Üblicherweise wird von Akteuren einer Wirtschaft erwartet, unternehmerisch und produktiv nach einem Leistungseinkommen zu streben ("profit-seeking"). Die Alternative dazu lautet "rent-seeking", also der Versuch private Vorteile durch staatliche Regulierung oder ähnliche Maßnahmen zu erwirken (durch das bekannte "Lobbying"). Dieses Besitzstandsdenken kommt meist bei Industriezweigen auf, deren Umsatz (oder gar Existenz) durch wirtschaftlichen Strukturwandel bedroht wird. Im Moment scheit es, als ob Google das Ziel derartiger Maßnahmen wird.

Obwohl kaum älter als ein Jahrzehnt, ist Google derzeit eine der profitabelsten Firmen der Welt. Im letzten Quartal 2009 lag der Umsatz laut Google bei 6,67 Milliarden Dollar, und das obwohl die Firma praktisch alle Dienste für den Endverbraucher kostenlos anbietet. Den Hauptumsatz macht Google bekanntlich mit Werbung, die neben Suchergebnissen eingeblendet wird. Der Inhalt der Suchergebnisse stammt natürlich nicht von Google, sondern aus dem Web, und die Anbieter einiger dieser Inhalte verbittert es enorm, wieviel Geld Google damit verdient.

Gemeint sind die Zeitungsverlage, die auf der einen Seite ihre Inhalte kostenlos ins Internet stellen, sich dann aber beschweren, dass andere auf diese Inhalte verlinken und (im Falle Googles) Geld verdienen. Statt ihre Inhalte für den Google Suchroboter zu sperren, bis man sich auf eine Entlohnung für die Nutzung der Inhalte geeinigt hat, lassen die Verleger die Tore ihrer Webseiten weit offen, und versuchen stattdessen über den Umweg eines "Leistungschutzrechts" gesetzlich eine Subvention zu verankern. Rent-seeking par excellence.

Etwas ähnliches versuchen derzeit US-amerikanische Fotografen. Sie reichten beim US-Bundesbezirksgericht im Southern District of New York Klage gegen Google Books ein, doch verlangen nicht etwa die Entfernung ihrer Werke, sondern eine "angemessene finanzielle Entschädigung".

Zumindest im Falle eines deutschen Leistungsschutzrechtes kann man doch einmal ein mögliches Szenario durchspielen. Sollte Google demnach verpflichtet werden, für jeden Link (!) auf eine Verlagsseite zu zahlen, werden sie diese Seiten kurzerhand aus dem Suchindex streichen. Spätestens dann dürfte den Verlagen aber bewusst werden, dass ihnen Google wesentlich mehr nützt als schadet, indem es täglich Millionen von Besucher auf die diversen Seiten lenkt. Am Ende zahlen dann vielleicht die Verlage dafür, bei Google gelistet zu sein, statt umgekehrt.

Freitag, 9. April 2010

Subventionen: Eine deutsche Schnapsidee

Gerade bin ich auf einen wunderbaren Hintergrund-Artikel im Handelsblatt gestoßen, Thema: die Subventionsunsinn in Deutschland.

Der Bund macht so viele Schulden wie nie - auch, weil er jedes Jahr Milliarden für Subventionen ausgibt. Selbst das Brennen von Schnaps wird gefördert. Einmal eingeführt, lassen sich selbst die unsinnigsten Fördergelder nicht mehr streichen. Die Geschichte einer perfekten Lobby-Kampagne.

Absolut lesenswert!

Mittwoch, 31. März 2010

Ein nichtexistierendes Problem

In diesem Eintrag wollte ich mich mal mit einem Thema jenseits der Wirtschaftspolitik beschäftigen, weil es mich ebenso bewegt und mir die absurde Argumentation von Teilen der Politik aufgefallen ist.

Es geht um die Sperrung kinderpornographischer Seiten im Internet, ein Thema das ursprünglich von der damaligen Familienministerin von der Leyen aufs Tapet gebracht wurde, trotz erheblichen Widerstands in Gesetzesform gegossen wurde, aber von der derzeitigen Regierung nicht angewandt wird. Am Montag nun hat die amtierende EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström ihre Pläne für eine Direktive zu europaweiten Internetsperren vorgestellt.

Laut Malmström sollen die Internet Service Provider (ISP) dazu verpflichtet werden, Websites mit kinderpornographischen Inhalten zu sperren. In einem Vorab-Kommentar in der FAZ schrieb Malmström:

Selbstverständlich ist die Zugriffssperre kein Ersatz für die Verpflichtung der Mitgliedstaaten, Maßnahmen zu ergreifen, um kinderpornographische Bilder direkt an der Quelle zu entfernen - auch wenn wir uns alle der praktischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung bewusst sind und die Anbieter sich in den meisten Fällen physisch außerhalb der EU befinden.

Vorrangiges Ziel sei also weiterhin die Löschung dieser Seiten, aber wo dies nicht ginge, soll "Sperren" eben die zweite Option sein.

An dieser Stelle habe ich mich gefragt, ob diese zweite Option jemals nötig wäre? Also ob es Länder gibt, in denen Kinderpornographie nicht als Straftat verfolgt wird und somit nicht von Servern gelöscht werden kann? Merkwürdigerweise scheint selbst nach über einem Jahr der Diskussion kein einziger der zahlreichen Befürworter von Sperren jene Länder benennen zu können. Martina Krogmann von der CDU hatte einst Kasachstan genannt, musste sich allerdings von der kasachischen Botschaft eines Besseren belehren lassen. Ursula von der Leyen stellte wenig später Indien an den Pranger, nur um sich anschließend bei deren Botschafter entschuldigen zu müssen.

Mehr noch scheint es, als ob das Löschung kinderpornographischer Websites überhaupt kein Problem darstellt. Bereits im Mai 2009 demonstrierte der Arbeitskreis gegen Internet-Sperren und Zensur (AK Zensur), wie es funktioniert. Zur sogenannten "Internet-Beschwerdestelle" zieht der Betreiber, der Verband der deutschen Internetwirtschaft (eco), folgendes Fazit:

Die seit Mai 2009 fortgeschriebene Statistik der Beschwerdestelle [...] verzeichnet für in Deutschland gehostete kinderpornografische Internetseiten eine Erfolgsquote von 100 Prozent. Die Herunternahme erfolgt in jeweils binnen Stunden oder Minuten. Im Ausland gespeicherte Angebote sind zu 50 Prozent binnen 5 Tagen, zu 93 Prozent binnen zwei Wochen und der Rest danach offline.

Natürlich wird es Fälle geben, in denen eine irgendwo gelöschte Website auf einem anderen Server wieder auftaucht, aber dieses Katz-und-Maus-Spiel hätte man im Falle von Sperren nicht minder.

Wozu also Internet-Sperren errichten? Mir scheinen sich die Lösung für ein nicht-existierendes Problem zu sein.

Dienstag, 30. März 2010

Exportwahn (Nachtrag)

In der heutigen Folge der ARD-Sendung PlusMinus wurde die Mitschuld deutscher Exportfixierung an den Problemen der Griechen einmal thematisiert.

Im Außenhandel steht dem Plus des einen immer ein entsprechendes Minus des anderen gegenüber. Dieses mathematische Gesetz kann auch ein Musterschüler nicht überlisten. Immer mehr Überschuss in Deutschland heißt also: immer mehr Schulden bei den EU-Nachbarn. Auf Dauer konnte das nicht gut gehen.

Exportüberschuss: EU-Nachbarn kritisieren Deutschland

Mal schauen ob ich irgendwo einen Videomitschnitt des Beitrags finde.

Donnerstag, 18. März 2010

Deutschland und der Exportwahn

Die Deutschen waren lange Zeit ungeheuer stolz auf den Titel "Exportweltmeister". Und auch wenn man ihn mittlerweile an China abgeben musste, zählt Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Exportüberschüssen weltweit. Ursächlich dafür ist "ein einmaliger Mix aus gründlicher Kostensenkung und entsprechend depressiver Inlandsnachfrage," wie FTD-Ökonom Thomas Fricke schrieb, und zugleich auf die Kehrseite dieser Politik verweis:

Wenn die Südeuropäer derzeit an den Finanzmärkten unter Beschuss sind, liegt das stark daran, dass Spanier, Portugiesen und Griechen Außendefizite zwischen 10 und 14 Prozent des BIP haben, die zum Gutteil das Gegenstück zweifelhaft toller deutscher Überschüsse sind.

Einfach ausgedrückt: Die Überschüsse der einen sind die Defizite der anderen. In der deutschen Politik (und ebenso in der Wirtschaft) ist diese Weisheit jedoch noch nicht angekommen. Im Zuge der Debatte um die Haushaltsprobleme Griechenlands, die nicht zuletzt aus dem Außenhandelsdefizit resultieren, kommt das Thema offenbar auf die Tagesordnung. Diese Woche hat erst die französische Finanzministerin Christine Lagarde, und später ihr Landsmann und IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn gefordert, dass Deutschland von seiner neomerkantilistischen Politik der stetigen Exportüberschüsse abrücken muss.

Wie zu erwarten kamen aus den Reihen der Regierung nur barsche Abfuhren. Kanzlerin Merkel meinte, man werde weiterhin "eine Politik betreiben, die die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nach vorne bringe. Es sei falsch, sich nach dem zu richten, der am langsamsten sei, erklärte sie mit Blick auf unterschiedliche Wettbewerbsstärken innerhalb der Europäischen Union. Darüber eine Diskussion zu führen, halte sie für den falschen Weg." (Zitat: Handelsblatt).

Auch das Wirtschaftsministerium reagierte verschnupft. „Es ist verwunderlich, wenn eine Stärke, die nicht auf Interventionen des Staates, Beihilfen oder Subventionen basiert, kritisiert wird“, sagte Staatssekretär Bernd Pfaffenbach. Der deutsche Exporterfolg beruhe ausschließlich auf der Produktivität der Wirtschaftsakteure. Andere Staaten sollten ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen statt Deutschland zu kritisieren.

Die übrigen Staaten der Welt sollten es Deutschland also gleich tun? Logisch zuende gedacht bedeutet das doch, dass irgendwann alle Staaten der Welt Exportüberschüsse aufweisen sollten. Wo sollen diese Güter dann hin? Etwa zum Mars?

In der Politik hält man Export offenbar für eine Art Selbstzweck. Doch Export wird letztlich nur für den Import betrieben, so wie Arbeit nur für Konsum verrichtet wird. Wer mehr erarbeitet als er konsumiert, spart den Rest. Für eine Volkswirtschaft gilt das selbe: der Nettoexport repräsentiert Ersparnis. Doch was nützen diese, wenn sie nie ausgegeben werden?

"Ausgeben" bedeutet in diesem Falle mehr Importe, und die wiederum erreicht man durch höhere Binnennachfrage. Merkwürdigerweise scheint bislang keine Partei diese offensichtliche Steilvorlage anzunehmen: weder die Linke oder die SPD mit einer Forderung nach Mindestlohn und höheren Sozialtransfers, noch die FDP mit ihrer sonst bei allen Anlässen vorgetragenen Forderung nach Steuersenkungen. Warten wir mal ab, wann es der erste Politiker bemerkt...

(Der Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer, ist einer der wenigen Volkswirte, die es ähnlich sehen. Ein weiterer interessanter Beitrag aus der Blogosphere zu diesem Thema.)

So im Nachhinein hat mir das eine Anekdote von Peter Schiff ins Gedächtnis gerufen:

Suppose six castaways are stranded on a deserted island, five Asians and one American. Further, suppose that the castaways decide to divide the work load among them in the following manner: (for the purpose of simplicity, the only desire the castaways work to satisfy is hunger) one Asian is put in charge of hunting, another in charge of fishing, and a third in charge of finding vegetation. A fourth is put in charge of preparing the meal, while a fifth is given the task of gathering firewood and tending to the fire. The American is given the job of eating.

So, on our island five Asians work all day to feed one American, who spends his day sunning himself on the beach. He is employed in the equivalent of the service sector, operating a tanning salon which none of the Asians on the island utilize. At the end of the day, the five Asians present a painstakingly prepared feast to the American, who sits at the head of a special table, built by the Asians specifically for this purpose.

Realizing that subsequent banquets will only be forthcoming if the Asians are alive to provide them, he allows them just enough scraps from his table to sustain their labor for the following day.

Modern day economists would say that this American is the lone engine of growth driving the island's economy and that without his ravenous appetite, the Asians on the island would be unemployed. The reality, of course, is that the best thing the Asians could do to improve their lots would be to vote the American off the island. Without the American consuming all of their food, there would be a lot more available for them to eat.

Was Schiff bei dieser Anekdote allerdings nicht bedacht hat ist, dass einige der Nationen mit einer solchen Situation hochzufrieden sind. Und das scheint zumindest in Deutschland der Fall zu sein.

Dienstag, 16. März 2010

Zwei zum Preis von zwei (oder mehr)

Vor fast genau einem Jahr haben sich die G20-Staaten in London darauf verständigt, die Mittel des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erhöhen. Von dieser Erhöhung der IWF-Krisenhilfen trägt die EU 100 Millarden Dollar, wovon der deutsche Anteil etwa 30 Milliarden Dollar beträgt. Gedacht sind die Gelder für Länder, die sich in genau der Situation befinden, in der die Griechen momentan stecken. Doch helfen soll der IWF in Griechenland offenbar nicht. Den Grund nennt der ehemalige Generaldirektor für Wirtschaft und Währung in der EU-Kommission, Klaus Regling, im Deutschlandradio Kultur:

[...] es ist besser, wenn das innerhalb der Familie, innerhalb Europas geregelt wird und nicht von einer Institution, die global aufgestellt ist, wo Nichteuropäer 70 Prozent der Stimmen haben.

Das heißt, der IWF, der wichtig ist für die Weltwirtschaft, hat seine Abstimmungsmechanismen, bei denen Europa eine Minderheit darstellt naturgemäß, aber wir wollen, glaube ich, nicht in Europa eine Situation haben, wobei die Amerikaner und die Chinesen bestimmen, wie die Wirtschaftspolitik eines einzelnen Euro-Landes aussehen sollte.

Also zahlen wir zusätzlich zu den 30 Milliarden an den IWF noch einmal zig Milliarden an einen zu schaffenden Europäischen Währungsfond. Allein aufgrund von "Eitelkeiten der EU-Politiker" (Hans-Werner Sinn), denen der IWF aus fadenscheinigen Gründen nicht genehm ist. Der gleiche IWF wohlgemerkt, der derzeit mit Hilfsprogrammen in Ungarn, Lettland und der Ukraine engagiert ist. Das verstehe wer will...

Montag, 15. März 2010

Warum, wieso, und überhaupt?

In diesem Blog will ich nichts weiter als meine Gedanken hinterlegen, die mir beim Lesen der Wirtschaftspresse oder ökonomischer Papers einfallen. Solche Gedanken sind oft flüchtig, daher sollte man sie in der Tat niederschreiben. Gleichzeitig erhoffe ich mir ein paar Leser-Kommentare zu den Gedanken.

Der Name des Blogs geht zurück auf ein bekanntes Zitat von John Maynard Keynes:

Madmen in authority, who hear voices in the air, are distilling their frenzy from some academic scribbler of a few years back. I am sure the power of vested interests is vastly exaggerated compared to the gradual encroachment of ideas.

Hinter diesem ironisch Kommentar stand die Vorstellung, dass sich die Erkenntisse der "academic scribblers" erst nach einigen Jahren in den Köpfen der Wirtschaftspolitiker breitmachen. So war es schließlich auch mit der von Keynes veröffentlichten Konzeption (General Theory of Employment, Interest, and Money, 1936), die sich erst in den 1960ern in der allgemeinen Wirtschaftspolitik durchsetzte. Abgelöst in den 80ern und 90ern von den Ideen der Chicagoer Schule um Milton Friedman, die ihren Ursprung bereits in den 1960ern hatten.

Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, sich mit aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen und -politischen Themen zu beschäftigen. Und genau das werde ich hier von Zeit zu Zeit tun.

Zur Einstimmung ist dieses lustige und lehrreiche Video empfohlen: