Donnerstag, 18. März 2010

Deutschland und der Exportwahn

Die Deutschen waren lange Zeit ungeheuer stolz auf den Titel "Exportweltmeister". Und auch wenn man ihn mittlerweile an China abgeben musste, zählt Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Exportüberschüssen weltweit. Ursächlich dafür ist "ein einmaliger Mix aus gründlicher Kostensenkung und entsprechend depressiver Inlandsnachfrage," wie FTD-Ökonom Thomas Fricke schrieb, und zugleich auf die Kehrseite dieser Politik verweis:

Wenn die Südeuropäer derzeit an den Finanzmärkten unter Beschuss sind, liegt das stark daran, dass Spanier, Portugiesen und Griechen Außendefizite zwischen 10 und 14 Prozent des BIP haben, die zum Gutteil das Gegenstück zweifelhaft toller deutscher Überschüsse sind.

Einfach ausgedrückt: Die Überschüsse der einen sind die Defizite der anderen. In der deutschen Politik (und ebenso in der Wirtschaft) ist diese Weisheit jedoch noch nicht angekommen. Im Zuge der Debatte um die Haushaltsprobleme Griechenlands, die nicht zuletzt aus dem Außenhandelsdefizit resultieren, kommt das Thema offenbar auf die Tagesordnung. Diese Woche hat erst die französische Finanzministerin Christine Lagarde, und später ihr Landsmann und IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn gefordert, dass Deutschland von seiner neomerkantilistischen Politik der stetigen Exportüberschüsse abrücken muss.

Wie zu erwarten kamen aus den Reihen der Regierung nur barsche Abfuhren. Kanzlerin Merkel meinte, man werde weiterhin "eine Politik betreiben, die die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nach vorne bringe. Es sei falsch, sich nach dem zu richten, der am langsamsten sei, erklärte sie mit Blick auf unterschiedliche Wettbewerbsstärken innerhalb der Europäischen Union. Darüber eine Diskussion zu führen, halte sie für den falschen Weg." (Zitat: Handelsblatt).

Auch das Wirtschaftsministerium reagierte verschnupft. „Es ist verwunderlich, wenn eine Stärke, die nicht auf Interventionen des Staates, Beihilfen oder Subventionen basiert, kritisiert wird“, sagte Staatssekretär Bernd Pfaffenbach. Der deutsche Exporterfolg beruhe ausschließlich auf der Produktivität der Wirtschaftsakteure. Andere Staaten sollten ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen statt Deutschland zu kritisieren.

Die übrigen Staaten der Welt sollten es Deutschland also gleich tun? Logisch zuende gedacht bedeutet das doch, dass irgendwann alle Staaten der Welt Exportüberschüsse aufweisen sollten. Wo sollen diese Güter dann hin? Etwa zum Mars?

In der Politik hält man Export offenbar für eine Art Selbstzweck. Doch Export wird letztlich nur für den Import betrieben, so wie Arbeit nur für Konsum verrichtet wird. Wer mehr erarbeitet als er konsumiert, spart den Rest. Für eine Volkswirtschaft gilt das selbe: der Nettoexport repräsentiert Ersparnis. Doch was nützen diese, wenn sie nie ausgegeben werden?

"Ausgeben" bedeutet in diesem Falle mehr Importe, und die wiederum erreicht man durch höhere Binnennachfrage. Merkwürdigerweise scheint bislang keine Partei diese offensichtliche Steilvorlage anzunehmen: weder die Linke oder die SPD mit einer Forderung nach Mindestlohn und höheren Sozialtransfers, noch die FDP mit ihrer sonst bei allen Anlässen vorgetragenen Forderung nach Steuersenkungen. Warten wir mal ab, wann es der erste Politiker bemerkt...

(Der Chefökonom der Deutschen Bank, Thomas Mayer, ist einer der wenigen Volkswirte, die es ähnlich sehen. Ein weiterer interessanter Beitrag aus der Blogosphere zu diesem Thema.)

So im Nachhinein hat mir das eine Anekdote von Peter Schiff ins Gedächtnis gerufen:

Suppose six castaways are stranded on a deserted island, five Asians and one American. Further, suppose that the castaways decide to divide the work load among them in the following manner: (for the purpose of simplicity, the only desire the castaways work to satisfy is hunger) one Asian is put in charge of hunting, another in charge of fishing, and a third in charge of finding vegetation. A fourth is put in charge of preparing the meal, while a fifth is given the task of gathering firewood and tending to the fire. The American is given the job of eating.

So, on our island five Asians work all day to feed one American, who spends his day sunning himself on the beach. He is employed in the equivalent of the service sector, operating a tanning salon which none of the Asians on the island utilize. At the end of the day, the five Asians present a painstakingly prepared feast to the American, who sits at the head of a special table, built by the Asians specifically for this purpose.

Realizing that subsequent banquets will only be forthcoming if the Asians are alive to provide them, he allows them just enough scraps from his table to sustain their labor for the following day.

Modern day economists would say that this American is the lone engine of growth driving the island's economy and that without his ravenous appetite, the Asians on the island would be unemployed. The reality, of course, is that the best thing the Asians could do to improve their lots would be to vote the American off the island. Without the American consuming all of their food, there would be a lot more available for them to eat.

Was Schiff bei dieser Anekdote allerdings nicht bedacht hat ist, dass einige der Nationen mit einer solchen Situation hochzufrieden sind. Und das scheint zumindest in Deutschland der Fall zu sein.

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